Reformierte und katholische Christen unter einem Dach?

Bote vom Untersee vom

Kirchenhistoriker Markus Ries sprach über Thurgauer Pfarrkirchen und ihre Besonderheit an der VHS Steckborn

(jo) Das Thema an der VHS Steckborn «Zugleich reformiert und katholisch: Thurgauer Pfarrkirchen und ihre Besonderheit» klang schon etwas ernst und das war es auch. Aber dem Kirchenhistoriker Markus Ries, Luzern, gelang es, mit so viel Heiterkeit und Witz das Thema aufzubereiten, dass ihm wirklich gern zugehört wurde. Lachen erlaubt. Allerdings gab es immer mal wieder auch ein Kopfschütteln oder Staunen: Das allzu Menschliche bei Katholiken und Protestanten in der Ausübung ihrer alten oder neuen Religion wurde in dem Vortrag sehr deutlich. Wie bekannt, schlug Luther am 31. Oktober 1517 seine 95 Thesen mit, so die Überlieferung, «lauten Hammerschlagen» an die Schlosskirche zu Wittenberg, Das sollte die Spaltung der Kirche in zwei Religionsgemeinschaften bedeuten.

Religiöse Abgrenzungen

Die Reformation veränderte dauerhaft das Leben und Denken vieler Menschen. Ein «Sprung» in die Schweiz, in der die Spaltung des kirchlichen Lebens in Katholiken und Reformierten sehr intensiv gewesen sei. Und schon sehr früh eingesetzt hat. So habe es am 19. Juli 1524 den sogenannten Klostersturm der Kartause Ittingen gegeben, bei dem die Kartause Ittingen von aufgebrachten Bauern zerstört wurde. Die Besonderheit der Thurgauer Pfarrkirchen erklärte Markus Ries, liege darin, dass es viele Kirchen gegeben habe, die sowohl einer evangelischen Kirchgemeinde wie auch einer katholischen Pfarrei angehorten oder noch angehören. Steckborn selbst habe zu diesen Kirchen gehört. 1534 habe die Reformation ihren Einzug in Steckborn gehalten und die gemeinsame Nutzung dauerte immerhin bis 1962. Aber wie in vielen anderen Kirchen auch, taten sich die Gläubigen in Steckborn nicht leicht mit der konfessionellen Identität und ihrer Abgrenzung. Es wird erzählt, dass es evangelischen Christen nicht zumutbar gewesen sei, bei ihren Gebeten im Altarraum auf katholische Heilige zu blicken und so wurde, wenn die evangelischen Gläubigen ihren Gottesdienst begingen, eine Decke davor gezogen. An diese Decke erinnern sich noch heute manche SteckbornerInnen. 1962 entschloss sich die katholische Kirche dazu, eine eigene Kirche, St. Jakobus, zu bauen.

Sehr viel Streit

Das mag ja noch relativ unkritisch gewesen sein und heute wird eine gute Zusammenarbeit beider Konfessionen gepflegt, aber Markus Ries wusste von vielen Schwierigkeiten in anderen Gemeinden zu berichten. Es habe, sagte er, sehr viele Streitigkeiten auf beiden Seiten gegeben: «Es wurde sich gestritten, wo immer man nur konnte». Zum Beispiel bei Kirchenerneuerungen. Wirtschaftliche Bedingungen konnten sich sehr unterschiedlich entwickeln. Die eine Gemeinde war reich, die andere arm. Wie die Erneuerungen aufteilen? Weiter. Da die Katholiken hungrig in den Gottesdienst kommen mussten, durften sie als erste ihren Gottesdienst feiern. Dann konnte es passieren, dass sich die Reformierten über zu viel Weihrauch aufregten, den sie einatmen mussten. Oder: Die eine Gemeinde baute endlich ihre eigene Kirche. Dann auch, wie in Dusnang, in unmittelbarer Nähe und mit einem höheren Turm, um zu demonstrieren, dass sie reich seien und sie sich einen höheren Turm leisten konnten. Der Kirchenhistoriker sagte, dass sich die Gemeinden oft auseinandergelebt hatten, obwohl beide im gleichen Ort wohnten. Sehr problematisch sei es bei «Mischehen» geworden, wenn das Paar aus dem gleichen Ort stammte. Auch an den Vornamen der Kinder konnte abgelesen werden, zu welcher Kirche die Eltern gehörten. Im Grunde, sagte Markus Ries, sei es das Ziel gewesen, die Simultan Verhältnisse los zu werden. Denn die religiöse Zugehörigkeit sei ein Teil der eigenen Identität. Bischof Franziskus von Streng, (1884-1970 Basel) habe diese Trennung gefordert, indem er gesagt habe: «Die Trennung ist die grösste Gnade». Von ursprünglich 27 Simultan Verhältnissen gibt es heu­te nur noch sieben: Ermatingen, Leutmerken, Basadingen, Uesslingen, Güttingen, Sommeri und Pfyn. An sich hatten diese Kirchen ihre Vorteile, da sie die Kosten sparten und auch das Zusammenleben fordern konnten. Mit einem ganz entschiedenen «Nein» aber lehnte Markus Ries Überlegungen ab, ob die Thurgauer mit ihren Simultankirchen Vorreiter der Ökumene gewesen sein konnten: «Das waren sie nicht».

Termine

Sonntag, 16. August 2020, 09:45 Uhr

Gottesdienst in der Kirche

„Wir brauchen Erinnerungsstücke“ (Jos 4, 1-9). Pfr. Andreas Gäumann, Kirchenmusiker Martin Schweingruber, Kollekte: Hospizdienst Thurgau
Montag, 17. August 2020, 20:00 Uhr

Chorprobe in der Kirche

Dienstag, 18. August 2020, 09:30 Uhr

Vorlesen im Altersheim

Dienstag, 18. August 2020, 12:00 Uhr

Mittagessen für Senioren im Kirchgemeindehaus

Voranmeldung bei Marianna Rietiker, 079 533 22 58