«Der Weg als Ziel»

Vergangenen Sonntag stellte sich das Pfarrehepaar Kindschi bei zwei Gast-Gottesdiensten Evangelisch Steckborn vor

(hch) Das Pfarrehepaar Bettina Kindschi und Zbynek Kind-schi Garský stellte sich am Sonntag in zwei nacheinander abge-haltenen Gast-Gottesdiensten der evangelischen Kirchgemein-de Steckborn vor. Mit dem Aschermittwoch beginne die Passi-onszeit. Christen erinnern sich während der rund sieben Wo-chen vor Ostern an die 40-tägige Leidensgeschichte Jesu, die Verurteilung, den Verrat und die Kreuzigung. Überhaupt, so Pfarrerin Bettina Kindschi, habe die Zahl 40 eine besondere Bedeutung in der Bibel. Das Volk Israels sei 40 Jahre in der Wüste gewesen, die Regentschaft der Könige David und Salo-mon dauerte je 40 Jahre, die Sintflut 40 Tage, Moses habe sich auf dem Berg Sinai 40 Tage mit Gott auseinandergesetzt oder Jesus während 40 Tagen den Versuchungen des Teufels wider-standen.

Doch Gott schicke nicht jemanden für 40 Tage oder Jahre in die Wüste, um ihn oder sie zu bestrafen. Die Zeit in der Wüste sei eher eine Chance, eine Zeit des Nachdenkens, eine Zeit des Wachsens. «Wir alle haben diese Wüstenerfahrung im letzten Jahr gemacht», betont Bettina Kindschi in ihrer Predigt. «Co-rona hat uns vielleicht einsam werden lassen, bekannte Routi-nen über den Haufen geworfen, uns neue Formen, wie wir an-deren Menschen begegnen, gelehrt». Lange Wege oder das Ausharren in einer Lebenswüste seien vielleicht schmerzlich, müssen aber keineswegs verlorene Zeit bedeuten. Wie die Ge-schichte eines Bauern zeige. Dieser habe täglich mühsam Was-ser den Berg hochgetragen, um seine Pflanzen zu wässern. Wohlmeinende hätten ihm eine Pumpe angeboten. Dies habe er abgelehnt, denn mit der Arbeitserleichterung, mit der Effizienz-steigerung fehle ihm die Zeit zum Nachdenken.

Sich mit Versuchungen auseinandersetzen

Nicht nur die Zeit in der Wüste, die lange Wege erfordere, biete neue Chancen der Entwicklung, auch die gemachten indi-viduellen Erfahrungen eröffneten neue Möglichkeiten, nimmt Pfarrer Zbynek Kindschi Garský den roten Faden auf. Im am weitesten verbreiteten Gebet heisse es «und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns von dem Bösen». Im Mittelalter sei die Versuchung als «böse» interpretiert worden, heute sei aber eher die menschliche Reaktion auf die Versuchung – ob und wie sich der Mensch verführen lasse – Gegenstand des Nachdenkens. Als Gott das Volk Israel einen Umweg durch die Wüste wandern lasse, bringe er sie in Gefahr. Das Heer des Pharaos dränge von hinten, das rote Meer versperre den Weg nach vorn. Die Entscheidung, Gott zu vertrauen, rette sie. Oder Jesus müsse für 40 Tage in der Wüste mit den Versuchungen des Teufels widerstehen und triumphiere. Gott wolle, dass die Men-schen Wege gehen, sich mit Versuchungen auseinandersetzen, sich Zeit nehmen, nur so könnten sie ihr Potenzial erfüllen, das werden, was in ihnen stecke. Der längere Weg könne durchaus das Ziel sein. Oder wie es ein Zen-Buddhist ausgedrückt habe: «Die schönen Dinge siehst du nur, wenn du langsam gehst».

Es waren Gottesdienste, die zum Nachdenken anregten, die das Pfarrehepaar, unterstützt durch die Mesmerin Susi Heger und die Lektoren Peter Röthlisberger und Margrit Rüedi, ab-wechslungsreich gestalteten. Auch wenn Corona-bedingt das gemeinsame Singen nicht möglich ist, gibt das gekonnte Orgel-spiel des Kirchmusikers Martin Schweingruber den Kirchenlie-dern ihren Platz, bietet den Gemeindemitgliedern immer wie-der Momente der Ruhe, in der sich angeregte Gedanken weiter-entwickeln können.

Wahl bei Kirchgemeindeversammlung am 24. März

Die Pfarrwahlkommission habe mit dem Pfarrehepaar Kind-schi Garský eine Vorauswahl getroffen, doch die Kirchgemein-deversammlung am 24. März in der evangelischen Kirche Steckborn habe das letzte Wort, erklärt Martha Kuster den An-wesenden der beiden Gast-Gottesdienste. Darum sei es ein be-sonderer Moment, so die Präsidentin der Kirchenvorsteher-schaft, dass die Kirchgemeinde Bettina Kindschi und Zbynek Kindschi Garský trotz eines schwierigen Umfelds in zwei Gast-Gottesdiensten habe näher kennenlernen dürfen. Auch für all jene, die wegen der Corona-Restriktionen nicht live hätten dabei sein können, werde der Gottesdienst gefilmt und könne auf www.evang-steckborn.ch angeschaut werden.