Virtuose Aufführung des Stückes «Um Gottes Willen!»

Bote vom Untersee vom

Szenisches Singprojekt zu Ulrich Zwingli in der evangelischen Kirche Steckborn

(hch) Am frühen Samstagabend gab es in der evangelischen Kirche Steckborn viel zu sehen und noch mehr zu hören. Das szenische Singprojekt «Um Gottes Willen!» ehrt Ulrich Zwingli, der vor 500 Jahren als Leutpriester im Grossmünster Zürich begonnen hat, das Evangelium zu predigen. Ende des 15. Jahrhunderts in Wildhaus geboren, ging der erst sechsjährige Ulrich zuerst in Wesen, dann in Basel und Bern zur Schule, studierte in Wien und Basel. 1506 wurde er zum Priester geweiht, amtete als Pfarrer in Glarus, Einsiedeln und dann am Grossmünster in Zürich. Zu Beginn seiner seelsorgerischen Tätigkeit war er ein guter Katholik. Einschneidende Erfahrungen wie die Brutalität der Schlacht von Marignano, die Abhängigkeit der Gläubigen vom Wohlwollen der Priester, aber auch das Griechisch-Studium und damit das Neue Testament als Urtext sowie die Ideen der Humanisten sensibilisierten Zwingli für die Missstände in der katholischen Kirche. Er verstand die Macht der Kirche und die Angst der Gläubigen, vor dem ewigen Gericht nicht bestehen zu können. Nachdem er die Pest überlebt hatte, reformierte er im ersten Viertel des 16. Jahrhunderts die Kirche in Zürich, schaffte Bilder, Messen und das Zölibat ab, bestimmte das Evangelium als Leitschnur für das gläubige Leben. Reformiert wurde in Zürich aber nicht nur die Religion, Zwingli war auch Berater des Rats von Zürich, der das Schul-, Kirchen- und Ehewesen sowie die Armenfürsorge neu regelte und Sittengesetze veranlasste.

 

Singprojekt des gemeinsamen Erlebens

«Um Gottes Willen!» ist ein vielschichtiges, anspruchsvolles Singprojekt, das die Fachstelle «Musik in der Kirche» und tecum – Zentrum für Spiritualität, Bildung und Gemeindebau der Evangelischen Landeskirche Thurgau – zusammen mit den evangelischen Kirchgemeinden Sulgen-Kradolf und Steckborn erarbeitete. Die Musik des Renaissance-Ensembles, Katharina Hauns Zink, einer Art mittelalterlicher Flöte, Tabea Schwartz’ Viola d’arco und Ryosuke Sakamotos Laute sowie Ivo Hauns melancholische Stimme lassen die Atmosphäre des 15. und 16. Jahrhunderts erahnen oder gar erleben, wenn die Anwesenden gemeinsam mit Choreografin Mirjam Bührer zu den mittelalterlichen Klängen durch die Kirche tanzen. Adrian Furrer und Thomas Burkhalter erzählen die wichtigsten Stationen im Leben Ulrich Zwinglis, nehmen diesen – einmal auch Wurst essend und Bier trinkend – die 500-jährige Distanz, finden in ihren Interpretationen immer den Zusammenhang zum heutigen Alltag. Ulrich Zwingli sei überzeugt gewesen, dass die Kirche allen gehöre, dass Menschen keine priesterliche Vermittlung für ihren Kontakt zu Gott bräuchten. Und genauso gehört das szenische Singprojekt der Gemeinde. Wenn Jochen Kaiser die zahlreichen Teilnehmenden zum gemeinsamen Singen anleitet, die gesungenen Klänge ein-, mehrstimmig oder im Kanon den Kirchenraum füllen, wenn die Singenden dazu gleichzeitig auch Hände und Füsse bewegen, entsteht ein tiefes Gefühl des gemeinsamen Erlebens. Ganz im Sinne des grossen Reformators Ulrich Zwingli.

 

DV der Thurgauer evangelischen Kirchenchöre

Und das Gemeinschaftsgefühl stand auch während der vorgängigen Delegiertenversammlung des «Verbandes der evangelischen Kirchenchöre Thurgau» im Zentrum, so die VEKT-Präsidentin Christine Graf. VEKT unterstütze seit 1991 die Mitgliedchöre in ihrer kirchenmusikalischen Tätigkeit, biete Weiterbildung für Singende und Chorleitende an und vertrete die Interessen der Chöre gegenüber den kirchlichen Behörden und der Öffentlichkeit. Die 53 Delegierten tauschten Erfahrungen aus, freuten sich gemeinsam über gelungene Konzerte, besonders gute Chorleitende, über den Zuwachs in einzelnen Chören oder das Durchhaltevermögen kleiner 14-Personen-Chöre. Natürlich hätten sie auch Wünsche, so Verena Rieder-Engeli, die Präsidentin des Chors der Kirchgemeinde Steckborn. Alle Kirchenchöre würden gerne mehr Männer und junge Mitglieder begrüssen.